Merinoschaf und Mulesing

Das Merinoschaf ist ein großes, meist weißes Schaf mit länglichem Kopf und leicht hängenden Ohren.
Es stammt ursprünglich aus Nordafrika und hat etwa im 14. Jahrhundert seinen Weg nach Spanien gefunden. Durch die Einfuhr von Merinos nach Australien und Neuseeland entwickelten sich diese Länder zu den weltweit größten Wollproduzenten.
Die ertragreichsten Merinos geben bis zu 10kg Wolle im Jahr.

Das vielleicht größte Problem bei der Merinoschafhaltung ist der Parasitenbefall durch Fliegenmaden. Die feucht-warmen, häufig mit Ausscheidungen verschmierten Hautfalten am Schwanz der Schafe sind der ideale Brutplatz für die Maden, die die Fliegen zu tausenden ablegen und die das Schaf bei lebendigem Leibe fressen. Ein Befall von Fliegenmaden ist nicht immer tödlich, verursacht aber oft schmerzhafte Entzündungen in den betroffenen Regionen.
An dieser Stelle würde ich gern etwas Positiveres berichten wollen. Aber in der Realität kommt hier das sehr umstrittene Mulesing zur Anwendung. Bei dieser Prozedur werden den Lämmern ohne Betäubung entsprechende Hautfalten im After- und Genitalbereich einfach abgeschnitten, in der Regel durch ein heißes, extra für diese Prozedur hergestelltes Schnittgerät. Die Wunde vernarbt und in der Folge wächst dort keine Wolle mehr – die Maden verlieren ihren Brutplatz.
Die australische Wollndustrie hat sich 2004 auf Druck der Öffentlichkeit verpflichtet, das Mulseing bis 2010 zu beenden, diesen Termin jedoch abgesagt und keinen neuen festgelegt.

Was ist das Problem? Eine verlässliche Alternative zum Mulesing gibt es noch nicht. Andere präventive Methoden sind ebenfalls umstritten oder noch nicht ausgereift.
Tierschützer befürworten eine gezielte Zucht der Schafe in Richtung eines geringeren Wollwuchses in den betroffenen Regionen – das braucht Zeit.
Nach Information unserer Garnagentur sind medikamentöse Lösungen zwar vorhanden, aber die Preise dafür so hoch, dass die Farmer sie nicht wirtschaftlich einsetzen können. Auch das häufigere Scheren der betroffenen Hautpartien ist bei der Anzahl der Schafe unwirtschaftlich.
Viele Farmer verpflichten sich freiwillig auf das Mulesing zu verzichten und nach Auskunft der Wollagentur ist Australien inzwischen zum 40-50% frei von diesem Verfahren.
Das ist natürlich noch nicht zufriedenstellend, aber ein Anfang und ich bin sicher, dass auch jeder Farmer, oder wenigstens die meisten, kein Interesse daran haben, ihre Tiere unnötig zu quälen. Hierzu gibt es einen interessanten Bericht einer australischen Farmerin:

http://www.hamburger-illustrierte.de/content/htm/tic/2004/12/12/200412122327.html

Was bedeutet das für uns?

Auch die von uns verarbeitete Merinowolle kommt teilweise aus Australien und Neuseeland und ist  nicht 100%ig frei von Mulesing. Natürlich gibt es alternativ Merinowolle mit einem kbt Siegel, aber die Mindestabnahmemengen liegen hier oft bei 200-300 kg/ Farbe. Das ist für unsere Firmengrösse einfach nicht machbar. Wir verwenden also, wann immer es uns möglich ist, eine kbt oder Mulesing-freie Wolle, müssen aber auch in Kauf nehmen, dass unsere Möglichkeiten und unser Anspruch leider nicht immer in absoluten Einklang zu bringen sind.